AusbildungWeltweit – Ein Auslandspraktikum in Cochabamba, Bolivien
Projekte in entfernten Ländern hautnah erleben, das ermöglicht das Programm "AusbildungWeltweit" für junge Menschen in der Ausbildung. Im Zuge des Projekts "Essen Goes Global" unterstützt auch die Stadtverwaltung Essen Nachwuchskräfte über den beruflichen Tellerrand hinaus zu schauen. Organisiert wird das Projekt vom Büro für Europaangelegenheiten und gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Dieses Förderprogramm führte Lukas und Silvio in das über 10.000 km entfernte Cochabamba, die 4. größte Stadt Boliviens und bekannt für ihr Wahrzeichen, die Christusstatue Cristo de la Concordia. Hier durften die beiden dual Studierenden -mit Schwerpunkt Landschaftsbau und Grünflächenmanagement- bei einem 3-wöchigen Praktikum verschiedene Projekte zur Landschaftspflege begleiten und tatkräftig unterstützen. Was sie dabei erlebt haben, erzählen sie im Interview.
Wie seid ihr auf dieses Auslandsprogramm aufmerksam geworden?
Lukas: "Wir wurden durch unsere Ausbilderinnen angesprochen, ob wir dazu Lust hätten. Zuvor haben wir schon von anderen Auszubildenden, Johanna und Anna, die das ein Jahr vorher gemacht haben, davon gehört. Die beiden meinten: 'auf jeden Fall machen'."
Was musstet ihr im Vorfeld dann alles erledigen?
Lukas: "Es war schon recht viel zu tun. Also Anträge, die wir stellen mussten, wie zum Beispiel einen Dienstreiseantrag oder später noch eine Teilnehmervereinbarung unterschreiben. Dann natürlich eine Reiseversicherung abschließen und Impfungen machen lassen, wie zum Beispiel gegen Gelbfieber. Ich glaube, es waren insgesamt fünf Impfungen."
Silvio: "Dann war es auch noch wichtig, das Führungszeugnis für den Visa-Antrag zu beantragen sowie weitere Dokumente einzureichen. Diese hatten wir zuvor vom Europabüro bekommen. Die Dokumente wurden dann auch anschließend über das Europabüro ans Konsulat geschickt, zusammen mit dem Reisepass und die haben quasi dann das Visum eingetragen und den Reisepass wieder zurückgeschickt. Das war auch alles sehr kurzfristig. Also ich glaube, den Pass haben wir erst knapp eine Woche bevor wir geflogen sind wiederbekommen."
Wie hat euch das Büro für Europaangelegenheiten bei dem Projekt unterstützt?
Lukas: "Sie haben uns auf jeden Fall die ganze Zeit geholfen, falls wir Fragen hatten. Aber diese Visa-Anträge mussten wir selber stellen, weil auch ziemlich viele Informationen über uns dann runtergeschrieben werden mussten. Auch später, als das zeitlich knapp wurde, haben wir die ganze Zeit bei diesem Konsulat in Berlin nachgehakt. Trotzdem waren wir auch die ganze Zeit im Austausch mit dem Europabüro."
Silvio: "Ich glaube, die haben da auch ein bisschen Druck gemacht, dass alles noch klappt. Anhand der Checkliste, die wir vom Europabüro erhalten haben, wussten wir immer genau, was gemacht werden muss und konnten alles abarbeiten."
Wurde das Auslandspraktikum finanziell gefördert?
Silvio: "Ja, genau. Also wir haben eine Förderung über das Programm "AusbildungsWeltweit" bekommen. Es waren 2.178 Euro für die drei Wochen. Wir haben erst eine 80-prozentige Vorauszahlung erhalten. Das waren 1.790 Euro um den Dreh. Die restlichen 20 Prozent bekommen wir jetzt noch."
Lukas: „"Die Vorauszahlung hat eigentlich auch alles abgedeckt, was im Vorhinein anstand mit Flügen und Unterkunft in Cochabamba für die ersten drei Wochen. Und sowas wie Reisepass und Führungszeugnis beantragen, Impfungen machen, etc.. Das hat eigentlich alles in diesen Rahmen reingepasst."
War der Praktikumszeitraum festgelegt?
Lukas: "Generell durften wir entscheiden, welchen Zeitraum wir wählen für dieses Projekt. Das war wirklich sehr cool, weil wir eben noch den Uni-Stress vorher hatten. Daher haben wir das Ganze so weit nach hinten in den Herbst geschoben. Das war der perfekte Zeitpunkt. Jetzt auch wegen dem Wetter und auch die ganzen Sachen, die dort vor Ort passiert sind und mit den ganzen Projekten dort. Klar war das auch Glück, weil wir das nicht beeinflussen konnten, aber das passte dann alles sehr gut.
Wir waren knapp mehr als vier Wochen da, also eigentlich so ziemlich genau einen Monat, aber eben die ersten drei Wochen waren für das Programm bestimmt, um dort zu arbeiten und den Austausch voranzuführen. Und die letzte Woche sind wir dann in Bolivien privat rumgereist und haben uns dafür Urlaub noch hinten drangehängt."
Wie war eure Ankunft?
Silvio: "Am ersten Tag sind wir um 8 Uhr morgens am Flughafen [in Cochabamba; Anm. der Red.] angekommen und wurden von unserem Ansprechpartner dort abgeholt. Der hat uns erstmal begrüßt und erste organisatorische Sachen mit uns vor Ort erledigt, wie Geld umtauschen und SIM-Karte für einen Internetzugang besorgen. Danach hat er uns zur Unterkunft gebracht und dort alles abgeklärt. Das war mit der Sprache schwierig, weil die meisten wirklich nur Spanisch und nicht mal Englisch sprechen. Deswegen war es gut, dass er das mit uns organisiert hat. Und den restlichen Tag hat er uns schon ein bisschen Cochabamba gezeigt Was man zu beachten hat, wie beispielsweise zum Busfahren die Hand raushalten, damit er anhält, sonst fährt er durch."
Wie waren die ersten Tage organisiert?
Lukas: "Also generell war das alles ein bisschen kurzfristiger vor Ort organisiert. Die Leute sind da sehr spontan unterwegs, haben wir gemerkt. Ich glaube am ersten Tag sind wir auf so eine Lagune rausgefahren, so ein kleiner See. Da wurde uns dann ein bisschen was erzählt, was sie hier gerade für ein Projekt machen und wie das abläuft."
Silvio: "Das Problem dort war zum Beispiel, dass sie viele Algen auf dem See haben. Deswegen wird mit Ausgrabungen versucht den See an manchen Stellen tiefer zu machen, sodass da die Algen nicht mehr so stark wachsen. Sie sind jetzt auch dran zu prüfen, ob sie die Algen, wenn sie die rausgeholt haben, noch für andere Sachen verwenden können, wie beispielsweise Dünger oder ähnliches.
Was wir über die Wochen verteilt am meisten gemacht haben war mit dem Baumschnittteam rauszufahren. Das heißt, wir sind an verschiedene Orte von der Stadt gefahren, wo entweder ein abgestorbener Baum gefällt oder eine Straße wieder freigeschnitten werden musste, weil die Äste zu weit runter hängen. Genau bei solchen Sachen haben wir dann geholfen."
Also wart ihr meistens mit demselben Team unterwegs?
Lukas: "Also es war wirklich meistens so, dass wir mit dem Baumschnitt-Team rausgefahren sind. Aber wir hatten auch viele andere Projekte, wie zum Beispiel vom WWF. Da gab es eine Wanderung auf einen Berg hinauf, wo eine freiwillige Organisation, die mit dem WWF zusammenarbeitet, uns erklärt hat, wie sie das -hoffentlich demnächst naturgeschützte Areal- in Stand halten und verhindern wollen, dass so viel Müll reingelangt.
Also es war wirklich sehr vielfältig, vor allem die ersten beiden Wochen, die waren sehr abwechslungsreich."
Ist euch ein Projekt besonders im Kopf geblieben?
Silvio: "Wir waren zum Beispiel auch noch bei kleineren Projekten. Da hat zum Beispiel eine Schule in der Nähe eines Bachlaufs Bäume und Pflanzen gepflanzt, damit quasi alles mehr begrünt wird. Wir haben mitgepflanzt und ganz viele Schüler eben auch. Die Aufgabe der Schule ist jetzt regelmäßig zu gießen und zu versuchen das weiter zu pflegen, dass da auch die Pflanzen wirklich gut angehen und ein richtiger Grünstreifen entsteht."
Lukas: "Ich glaube, einen Tag später waren wir noch bei einer Wassergießaktion von einer amerikanischen NGOdabei. Das war auch ganz cool. Da haben ganz viele Schüler dabei geholfen Bäume zu gießen, weil es kein Bewässerungssystem oder einen Brunnen in der Nähe gab. Da kam dann ein 1.000 Liter-Tanklaster und das Wasser wurde mit Eimern zu den Bäumen getragen. Das war auch sehr schön."
Silvio: "Also es war vorher eine Brachfläche und dieses Projekt kümmert sich darum, dass Stück für Stück dort aufgeforstet wird. Aber das geht halt nur, wenn auch in den ersten Monaten, vor allen Dingen in den heißeren Monaten, gegossen wird."
Was hat euch überrascht?
Lukas: "Am meisten überrascht hat mich der Verkehr, weil der wirklich ganz wild durcheinander war. Regelungen wie Geschwindigkeiten, davon wollen wir gar nicht mal reden. Aber auch Ampeln wurden oftmals einfach überfahren. Und irgendwie funktionierte alles. Ich habe keinen einzigen Unfall in der ganzen Zeit gesehen. Die haben ihr eigenes System, wenn sie über die Kreuzung fahren mit Geschwindigkeit, dann hupen sie vorher einmal. Und dann weiß irgendwie jeder Bescheid, da kommt jemand."
Silvio: "Ja und man merkt, dass der Autoverkehr dort Vorrang hat. Also als Fußgänger musst du dann irgendwie gucken, dass man da über die Straße kommt. Es gibt auch in der ganzen Stadt gefühlt nur zwei Fußgängerampeln.
Aber vor allen Dingen auch, dass die Menschen extrem freundlich waren. Wenn wir mit dem Baumschnitt-Team unterwegs waren, kam immer irgendein*e Anwohner*in und hat etwas zu trinken gebracht, teilweise sogar auch Essen. Einmal hat auch eine Frau wirklich warmes Mittagessen rausgebracht für das ganze Team. Das fand ich schon sehr beeindruckend.
Man kennt das in Deutschland, wenn irgendwo privat eine Firma was macht, dann kriegt man da einen Kaffee oder irgendwie sowas. Aber wenn man draußen auf der Straße einen Straßenbau macht, kommt ja niemand raus."
Was nehmt ihr aus dem Austausch für euch mit?
Lukas: "Vor allem neue Freundschaften. Wir haben super viele nette Leute da kennengelernt auf unseren privaten Reisen, aber auch zum Beispiel vom Baumschnitt-Team. Generell die Kontakte aus Cochabamba.
Dann natürlich auch die ganz vielen neuen Eindrücke, wie diesen Einblick in diese Kultur, die, würde ich schon sagen, einzigartig ist. Die Esskultur auch. Da sind sie auch sehr stolz drauf, die Cochabambinas. Die Portionen sind riesig. Und die haben sehr viele verschiedene Gerichte. Ich glaube das typische ist Milanesa und Pique Macho. Vor allem sehr viel mit Fleisch, das ist als Vegetarier nicht sehr einfach da.
Aber auch die neuen Eindrücke zur Natur. Allein diese Landschaft um Cochabamba rum, es sind überall Berge quasi über 4.000 m, obwohl Cochabamba auch schon auf 2.700 m liegt. Das ist wirklich eine eindrucksvolle Gegend dort.
Dann aber auch technische Fähigkeiten. Ich habe mir versucht etwas abzugucken von dem Baumschnitt-Team, weil das war wirklich sehr eindrucksvoll, wie die gearbeitet haben unter schweren Bedingungen. Und da hoffe ich, dass ich diese technischen Erfahrungen auch irgendwie übernehmen kann."
War auch Zeit für Privatausflüge?
Silvio: "An unserem zweiten Wochenende haben wir die zwei Tage genutzt, in den Nationalpark in der Nähe von Cochabamba zu fahren. Das war so ungefähr vier Stunden Fahrzeit. Das haben wir auch alles mit einer Reiseagentur gebucht. Wir sind dann nach Torotoro in den Nationalpark gefahren und in einen Canyon reingewandert. Da war zum Schluss ein Wasserfall mit einem Bereich, wo man schwimmen konnte. Zudem wurden uns vor Ort die Dinosaurier-Spuren gezeigt, die man dort sehen kann.
Und am zweiten Tag sind wir mit dem Bus auf 3.600 Meter Höhe gefahren und da waren verschiedenste faszinierende Felsformationen und auch teilweise Höhlenmalereien zu sehen. Naturtechnisch alles sehr beeindruckend.
Außerdem hatten wir auch noch an dem Tag eine Höhlenbesichtigung, bei der man wirklich durch eine Höhle mit Stalagmiten und Stalaktiten gelaufen und durch enge Gänge durchgeklettert ist."
Und die letzte Woche...?
Lukas: "Ja, in der letzten Woche sind wir direkt am Wochenende mit einem Nachtbus zum Titicaca-See gefahren. Der ist quasi ganz im Norden an der Grenze zu Peru. Da sind wir an die Copacabana gefahren, das ist so ein kleines Örtchen, was sehr touristisch ist. Leider hatten wir ein bisschen Pech, weil an dem Wochenende die Wahlen in Bolivien waren. Die Bolivianer haben eine Wahlpflicht, weswegen fast alle Läden geschlossen waren und man nicht wirklich viel in diesem kleinen Örtchen machen konnte. Deswegen haben wir dann den Sonntag einen relativ ruhigen Tag gemacht mit ein bisschen Wandern."
Silvio: "Ja, genau. Da sind wir dann bis Montag morgens geblieben und von da aus nach La Paz gefahren und uns ein bisschen La Paz angeguckt. Am Dienstag hatten wir dann eine Stadtführung mit jemandem, der Deutsch konnte, und der hat uns dann quasi die ganze Stadt den ganzen Dienstag lang gezeigt. Wir hatten viele Kilometer auf der Uhr gehabt."
An La Paz grenzt auch direkt eine weitere große Stadt: El Alto. Sie ist auf einem weiteren Hochplateau und von da aus kann man dann quasi auf La Paz runtergucken. Das war eine sehr beeindruckende Aussicht, weil im Zentrum von La Paz ganz viele Hochhäuser stehen, die herausstechen, aber drumherum sind eher sehr simpel gebaute Häuser, den ganzen Hang hoch. Das ist auch das Faszinierende, dass sie wirklich bis zur Kuppe vom Berg gebaut haben.
Abends sind wir dann mit einem Nachtbus wieder nach Uyuni gefahren. Dort ist die größte Salzwüste der Welt. Wir hatten eine Dreitagestour gebucht, mit der wir nochmal quer durch Halb-Bolivien gefahren sind. Einen Tag in der Salzwüste selber, wo wir verschiedene Sachen angeguckt und vor allem diese wahnsinnige Aussicht mit diesem unendlich weiten Salzboden hatten. Dann haben wir in einem kleinen Hostel übernachtet, mitten in der Salzwüste. Von da aus sind wir die nächsten zwei Tage weiter in den Süden Richtung chilenische Grenze gefahren. Auf dem Weg gab es ganz viele Stopps mit Lagunen, wo Flamingos waren, die wirklich in freier Wildbahn leben, und Vikunjas, wildlebende Lamas.
Für das Highlight am letzten Tag mussten wir sehr früh aufstehen, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Morgens bei Sonnenaufgang, das war schon sehr beeindruckend. Es war sehr kalt an dem Tag, ich glaube minus 8 Grad morgens [und 4.300 Meter Höhe]. Von da aus sind wir dann zu einer heißen Quelle gefahren. Das war wirklich wie eine Belohnung."
Silvio: "Das war eigentlich das große Highlight. Von da aus sind wir wieder nach Cochabamba und haben noch die letzten Tage in Cochabamba verbracht, bevor wir wieder nach Hause geflogen sind."
Was würdet ihr Interessierten mit auf den Weg geben?
Lukas: "Also auf jeden Fall offen sein für Neues und um neue Leute kennenzulernen. Ich glaube das Wichtigste ist, da hatte ich am Anfang mit zu kämpfen, überhaupt erstmal diesen Schritt zu wagen zu sagen: ja komm, ich mach das. Ich hatte anfangs ein paar Bedenken, wie läuft das da, mag ich es da, aber ich würde sagen: einfach machen."
Silvio: "Ich würde auch sagen, wenn der erste Impuls ist, das hört sich echt gut an, da hätte ich Lust drauf, dann auch nicht zu lange darüber nachdenken und das Negative rausziehen, sondern wirklich dann sagen, ja ich gehe jetzt dieses Risiko ein, in so ein anderes Land zu reisen und sowas zu machen."
Hinweis: Das Auslandspraktikum wurde gefördert von AusbildungWeltweit mit Mitteln des Bundesministerium für Bildung und Forschung.