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07.09.2022
6 Min

Die Stadtarchäologie Essen

Ein Blick unter die Oberfläche


Die Archäologie hat sich seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert von einem Bildungsbürgerhobby zu einer teilweise hoch technisierten Disziplin entwickelt. Bereits im Ersten Weltkrieg hatten die Archäologen aus Frankreich die Einsatzmöglichkeit von Luftbildern für die Suche nach Bodendenkmälern entdeckt. Es war nämlich aufgefallen, dass nicht nur Schützengräben in den Luftbildern der Westfront zu sehen waren, sondern auch die im Boden liegenden Fundamente römischer Villen. Hier zeichnete sich zum ersten Mal auch ein Vorgehen der Archäologie ab, das es bis heute gibt: das Übernehmen und die Umnutzung fachfremder Technologie für die eigenen Zwecke.

Die Arbeit der Stadtarchäologie

Neben der so genannten Luftbildarchäologie erhält die Stadtarchäologie zum Beispiel Hilfe durch die städtischen Vermesser*innen. Deren Bodenradar wird normalerweise bei Baugrunduntersuchungen und der Überprüfung von Leitungstrassen eingesetzt. Auf den Messbildern sind nicht nur Stromleitungen erfasst, die Baggerfahrer*innen helfen, nicht ganze Wohnblocks ohne Licht dastehen zu lassen, sondern es werden gleichzeitig auch Mauerreste auf den Messbildern sichtbar. Somit können auch die Stadtarchäolog*innen damit zielgerichteter graben.

Entgegen einiger Gerüchte verfügen Archäolog*innen nach dem Abschluss der Doktorarbeit nur in seltenen Fällen über einen Röntgenblick. Kerngeschäft der Archäologie ist daher seit nunmehr über 150 Jahren das vorsichtige Herangraben an die Spuren der Vergangenheit. Dabei werden zwar mittlerweile Bagger für die ersten (Zenti-)Meter benutzt, danach heißt es aber mit Schaufel, Spaten, Spitzhacke und später nur noch mit der Kelle und dem Stuckateureisen vorsichtig in die Tiefe zu gehen.

Essens Stadtarchäologe

Den Pinsel hat der Essener Stadtarchäologe Dr. des. Johannes Müller-Kissing nach eigenen Angaben seit 2009 nur vier bis fünf Mal genutzt – einmal davon für das Fernsehen…

Dr. des. Johannes Müller-Kissing trat im November 2021 die Nachfolge des engagierten Dr. Detlef Hopp an. Wie sein Vorgänger arbeitet er im Bereich der Ur- und Frühgeschichte und hat einen weiteren Forschungsschwerpunkt in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Dr. Johannes Müller-Kissing hat sein Studium der Geschichtswissenschaften und Ur- und Frühgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum absolviert und war seit 2012 in verschiedenen Funktionen der Bodendenkmalpflege in Westfalen-Lippe tätig. Seine Doktorarbeit behandelt die Grabungen auf dem spätmittelalterlichen Dynastensitz Falkenburg / Kreis Lippe.

Grabungen in der Stadt Essen

Über 4.000 archäologische Fundstellen sind in Essen bekannt und jährlich kommen zahlreiche Neuentdeckungen hinzu. Essen ist eine der fundreichsten Städte im Ruhrgebiet. Dennoch wird die Geschichte der Stadt oft genug auf Krupp und den Bergbau, die seit dem beginnenden 19. Jahrhundert die Stadt prägten, reduziert.

Sowohl im Vorfeld einer Grabung, als auch bei deren Auswertung, wie das Beispiel mit dem Bodenradar zeigt, ist eine enge Vernetzung der Archäologie mit anderen Ämtern innerhalb der Stadtverwaltung Essen und Fachrichtungen von größter Bedeutung. Gleichzeitig sorgt die Kooperation mit europaweit aktiven Kolleg*innen, Museen und Universitäten für einen beidseitigen Wissensaustausch und im Fall der Stadtarchäologie dafür, dass die Stadt Essen auf der Forschungslandkarte ihren Platz einnimmt.

Mehr als Kohle, Stahl und Krupp

Diese große Breite an Themen spiegelt die Spuren menschlichen Lebens im Untergrund der Stadt Essen wider, deren Erbe mehr ist als Kohle, Stahl und Krupp: Mit den Erdwällen und Mauern der Alte- und Herrenburg und den Resten des um 800 gegründeten Klosters Werden durch den späteren Münsteraner Bischof Liudger liegt im Stadtgebiet ein bedeutendes Zentrum der Christianisierung Westfalens vor.

Die Befestigungen indes waren nicht nur reine militärische Zweckbauten zum Schutz der neuen Siedlung. Neben diesem praktischen und lebensnotwendigen Nutzen dienten die Burgen auch der Machtdemonstration und Abschreckung. Eine mittelalterliche Burg wie die Isenburg war gut zu verteidigen, diente aber den Großteil ihres Bestehens als Verwaltungs- und Wohnsitz, der weithin sichtbar die Macht des Burgherrn symbolisierte. Diese Symbolik von Burgen und anderen Befestigungen führte in der Neuzeit dazu, dass auch reine Schlösser, die ihre Verteidigungsfunktion längst verloren hatten, mit architektonischen Elementen des Festungsbaus verziert wurden.

"Eines der größten Rätsel der Essener Vorgeschichte"

Noch deutlich tiefer, vermutlich ins 2. Jahrhundert vor Christus, reichen aber die Wurzeln der Alteburg. Sicherheit über das tatsächliche Alter kann hier jedoch nur mit weiteren archäologischen Untersuchungen erlangt werden. Nicht umsonst wurde die Burg 2017 von Dr. Detlef Hopp als "...eines der größten Rätsel der Essener Vorgeschichte..." bezeichnet. Reste der Kultur, die heute allgemein als "Kelten" bezeichnet wird, fanden sich an verschiedenen Stellen im Essener Raum. Dazu gehörten neben Keramik auch Armringe aus dunkelblauem Glas mit gelben Zierauflagen, die auch aus Frankreich bekannt sind.

Höfe, die älter sind als man denkt

Noch weiter zurück in die Vergangenheit reichen Dolmen – aus massiven Steinen errichtete Gräber – und die Häuser der in ihnen bestatteten Menschen, die in kleineren Weilern oder Einzelgehöften lebten. Solche Einzelhöfe bildeten noch bis in das 20. Jahrhundert das Rückgrat der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung und treten immer wieder in den Fokus der Stadtarchäologie. Oft stellt sich dabei heraus, dass die auf Karten des beginnenden 19. Jahrhunderts verzeichneten Höfe deutlich älter sind. Das wird besonders bei den Höfen spannend, bei denen noch Fachwerk- und Steingebäude vorhanden sind. Durch die Arbeit der Baudenkmalpflege wurden einige dieser bis zu 400 Jahre alten landwirtschaftlichen Gebäude gesichert. In Kombination mit den Grabungen der Stadtarchäologie und archäologischen Fachfirmen kann so die Geschichte einzelner Höfe bis ins Mittelalter hinein nachvollzogen werden.

Im Kontrast zu den Resten der ländlichen Lebenswelt stehen die archäologischen Untersuchungen in den städtischen Quartieren, durch die Einblicke in die Entwicklung Essens zu einer der bedeutendsten Industriestädte der Welt ermöglicht werden, die alleine mit Schriftquellen nicht möglich wären. Wenn auch ab dem Spätmittelalter immer mehr Schriftquellen zur Verfügung stehen, gibt es oftmals den Punkt, an dem Urkunden zwar das große Ganze zeigen, jedoch nicht die alltägliche Lebenswelt der Menschen. Auch besondere Ereignisse, die so subtil oder hektisch in ihrer Zeit waren, werden in den wenigsten Quellen genannt werden.

Zeugnis des Zweiten Weltkriegs

In diesen Bereich fallen manchmal neben der komplexen Entwicklungsgeschichte der Zechen, Stahlwerke und Fabriken auch die Ereignisse rund um den Zweiten Weltkrieg. Erst kürzlich konnte ein Bunker unter Denkmalschutz gestellt werden, der während des Krieges massiv verstärkt wurde und so einen Volltreffer überstand. Durch die Bauuntersuchung konnte die Entwicklung des Luftschutzes aber auch der Kriegsverlauf nachvollzogen werden. Der zuerst nur leicht geschützte Bau mit 0,5 Meter starken Wänden und 1,1 Meter starker Decke stellte sich im Verlauf des Krieges als zu schwach heraus, weshalb der gesamte Bau mit 1,2 bis 2,0 Metern Stahlbeton ummantelt wurde. Doch bereits zuvor, vermutlich zu Kriegsbeginn oder nach den ersten Trainingseinsätzen der Kruppschen Werkluftschutzes, hatte man den Zugang massiv umbauen müssen, um auch Sanitätern mit Krankentragen den Zugang über die enge Treppe zu ermöglichen.

Die Vergangenheit verstehen

Gerade weil diese Relikte nicht zu den angenehmen Zeug*innen der Vergangenheit zählen, ist ihre Erforschung umso wichtiger, um die damaligen Ereignisse besser zu verstehen und für die Nachwelt Lern- und Erinnerungsorte zu erhalten. Dieses breite Forschungsfeld, von den steinzeitlichen Jägern über mittelalterliche Höfe und den Bergbau bis hin zu den Schützengräben des Ruhrkessels wird durch die Bodendenkmalpflege der Stadt Essen bearbeitet – die immer dankbar für Hinweise ist, wenn wieder etwas aus unserer Vergangenheit aus dem Boden auftaucht.


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